Die Geschichte von "Waltraud"

das kurze Leben von einem jungen Schwarzstorch

gerade angekommen (Foto:Martin Kallabinsky)
gerade angekommen (Foto:Martin Kallabinsky)

Wir pflegen sonst meist nur Greifvögel und Eulen

 

Am 3. September erhielten wir einen Anruf, das ein junger Schwarzstorch, der zu verhungern drohte,  in Kröffelbach aufgegriffen wurde und jetzt eine passende Bleibe brauchte. Wir in unserer Auffangstation für Greifvögel und Eulen in Oberbiel verfügen über 9 Volieren, darunter auch sehr geräumige, die auch einen Vogel in dieser Größe beherbergen können. 

Durch die Dürre sind Bachläufe vielerorts ausgetrocknet, Felder abgeerntet, Wiesen gemäht und der Vogel fand auf seinem Zug in den Süden über Tage nicht ausreichend Futter. 

Zum Glück lagern bei uns im Eisfach immer genügend gefrorene Futtertiere für den Fall der Fälle.

Allerdings frisst ein Schwarzstorch lieber Fisch und keine Mäuse oder Küken. Aber Waltraud, so hatten wir den Storch getauft (die „Herrscherin des Waldes“), hatte einen solchen Hunger. Ihr war es egal.  Wir bekamen dann von einem Teichbesitzer aus Lahnau 3 Forellen gestiftet, die wir in handliche Stücke zerlegten. Nach der ersten Mahlzeit Fisch wurde das andere Futter dann auch nicht mehr angerührt. Der Teichbesitzer spendete nochmal 3 Forellen, die Waltraud wieder innerhalb von 3 Tagen verschlang. Wir verlegten uns jetzt auf tiefgefrorene Sprotten und Heringe, sie waren leicht zu bekommen und auch genau nach Waltrauds Geschmack. Sie hat in den darauffolgenden 2 Wochen, die sie bei uns war, mehrere Kilo davon verspeist. 

Über Ornitela, einer Firma aus Litauen konnte unser übergeordneter Landesverband, der NABU Hessen, einen Sender besorgen, der innerhalb weniger Tagen die NABU-Landesgeschäftsstelle in Wetzlar erreichte. Ornitela (https://www.ornitela.com/) ist spezialisiert auf Sender bzw. die Telemetrie, um die Raumnutzung von Vögeln erforschen zu können. Am Sender können vielfältige Einstellungen vorgenommen werden. Er liefert alle 5 Minuten die vertikale und horizontale Position des Vogels.

Am 17. September erhielt der Vogel seinen kleinen Beinsender, ebenso einen Ring der Vogelwarte Helgoland. Dies wäre ohne die Unterstützung von Gerd Bauschmann (ehemals Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland) nicht möglich gewesen. Eingebunden in Pflege und Besenderung war zudem u. a. Martin Hormann von Hessen-Forst, ein bundesweit anerkannter Spezialist für die Art.

Anstatt loszufliegen, hielt sich Waltraud aber noch mehrere Tage hier in Oberbiel auf. Warum wegfliegen, wenn es hier doch so leckere Sachen gibt?

Doch ab dem Moment der Beringung/Besenderung bekam Waltraud kein Futter mehr von uns und hätte jederzeit ihre Reise in den Süden antreten können. Stattdessen lief aber noch einige Tage durch den kleinen Ort, suchte auf den umliegenden Feldern nach Nahrung und übernachtete auf den Hausdächern Oberbiels. Zahlreiche Anrufe (wohlgemerkt aus ganz Hessen) von besorgten Personen erreichten den NABU. Schön, dass sich so viele Menschen um den Schwarzstorch sorgten.

Am 23. September war es dann jedoch soweit: Vormittags bei Sonnenschein und Rückenwind hob der Vogel ab und hatte innerhalb weniger Stunden bereits Hessen und Rheinland-Pfalz hinter sich gelassen; um halb drei am Nachmittag war er bereits im Saarland. Bei rund 300 Metern Höhe und mit rund 45 Kilometern pro Stunde hat der Vogel bereits am ersten Flugtag eine große Strecke zurückgelegt.

Über Nordfrankreich ging es innerhalb weniger Tage über die Pyrenäen bis an die Südküste von Spanien.

Seit Anfang Oktober ist Waltraud auf der Iberischen Halbinsel und war auch bereits schon mal kurz vor Gibraltar, doch dann ist sie in das Lagunengebiet von Donana gezogen.

Anfang November dann begann sie sich nochmal in Richtung Gibraltar zu bewegen. Während viele Zugvogelarten diesen Bereich für den Weiterzug nach Afrika nutzen, halten sich in den ausgedehnten Grünland- und Heckenbereichen ganz im Süden vom europäischen Festland auch verschiedene Greifvögel (u. a. Schmutz- und Gänsegeier, Kaiser- und Habichtsadler) auf. 

Rund 3 Kilometer von der Küste entfernt nordöstlich von Tarifa fiel dann bei der Fernwartung des Senders auf, dass etwas passiert sein musste. Am Samstag wurde vom NABU Hessen die „Andalucian Bird Society“, ein regionaler Naturschutzverband, kontaktiert. Die Kollegen wurden – ausgestattet mit den letzten Koordinaten des Vogels – darum gebeten, diesen Bereich abzusuchen und den Vogel ggf. zu bergen.

Am Sonntag erhielten wir dann die traurige Nachricht, dass Waltraud verstorben ist. Anhand der Spuren vor Ort und Federfunden ist es für die Aktiven vor Ort sehr wahrscheinlich, dass unser Schwarzstorch von einem Habichtsadler geschlagen wurde. Der Sender wurde geborgen und ist mittlerweile wieder beim NABU Hessen.

Habichtsadler sind flexible und für einen Vogel dieser Größe außerordentlich wendige und schnelle Jäger. Ihre Jagdweise ähnelt oft der des Habichts. Häufig jagen Habichtsadler Säuger oder Vögel am Boden von einem versteckten Ansitz aus. Vögel werden dabei nach dem Auffliegen auch länger verfolgt. Der europäische Bestand des Habichtsadlers, der u. a. in Südspanien, Süditalien und in Griechenland vorkommt, wird auf 1.100 bis 1.200 Brutpaare geschätzt.

Der Verlust unsere Waltraud ist sehr bedauerlich! Mit einer natürlichen Todesursache (hier die Prädation durch einen Greifvogel) können wir gleichwohl besser leben als mit einem anthropogen bedingten Verlust (also durch Menschenhand).

In den beiden Monaten wurden über 30.000 Daten hinsichtlich der vertikalen wie horizontalen Raumnutzung von Waltraud gesammelt, die der NABU Hessen nun für seine Naturschutzarbeit nutzen kann. Auch den BIRDLIFE-Partnern in Frankreich und Spanien werden die Senderdaten zur Verfügung gestellt.

 

Natürlich sind wir sehr traurig, denn es bleiben Fragen offen... Wo wäre Waltraud im nächsten Frühjahr hingeflogen? bzw. Wo ist sie geboren? Hätte sie bei uns in Oberbiel Station gemacht um noch ein paar Heringe zu vernaschen? All das bleibt nun unbeantwortet.

Aber so ist die Natur.

 zurück